Unsere Beziehung entwickelte sich sehr schnell. Für mich selbst kann ich sagen, dass ich sehr, sehr verliebt war. Er schien es auch zu sein. Wir verstanden uns sehr gut, hatten viele gemeinsame Themen, die uns verbanden und es wirkte für beide, als würden wir uns von Kindesbeinen an kennen.
Als wir nach nur 6 Monaten (davon der Großteil aus einer Fernbeziehung bestehend) zusammenzogen (was natürlich zu rasch war), war dieses Gefühl der Verliebtheit in mir sehr stark. Die Stimmung zwischen uns war von Anfang an familiär. Wir waren sehr verbunden und lachten viel miteinander. Er kam aus einer wirklich Kinderreichen Familie mit christlichem Hintergrund, er spielte auf seiner Gitarre und sang mir oft christliche Lieder, von denen ich viele kannte und die uns auf eine besondere Art und Weise verbanden. Das imponierte mir, denn ich träumte von einer Familie mit ihm. Irgendwie ignorierte ich in der Verliebtheit alle Warnzeichen, die bereits an die Oberfläche geschwommen waren.
Rasch bemerkte ich, dass er sich eigentlich sehr wenig für meine Persönlichkeit interessierte, während ich mir Dinge, die ihm wichtig waren, genau anhörte, obwohl mich so manche seiner Themen wirklich eher abschreckten, als dass sie eine Anziehung auf mich gehabt hätten. Nichts, was ich mochte, stieß bei ihm wirklich auf wahres Interesse. Wenn mir ein Film gefiel, war’s für ihn meist ein „alter Schinken“, den er eher widerwillig schaute. Die Musik, die ich bis dahin oft gehört hatte, wurde immer mehr von seiner überlagert, sodass ich am Ende überhaupt nichts Eigenes mehr hörte. Wenn ich was hörte, wurde das, wenn er heimkam, sofort abgedreht. Wenn ich über die Themen, mit denen ich mich im Studium sehr beschäftigt hatte, sprach und die eigentlich was mit seiner Herkunft, seiner Identität und seinen Interessen zu tun hatten, langweilte er sich sehr schnell und überhörte das Meiste. Wenn ich eine Behandlung, eine Zahn-OP oder Ähnliches hatte, konnte er sich keinen Tag lang an den Termin erinnern und wenn ich es in der Früh am Tag der Behandlung erwähnte, hatte er’s bis zum Abend, wenn er von der Arbeit kam, bereits schon vergessen, dass mein Termin stattgefunden hatte und dass er mich vielleicht fragen könnte, wie es mir ging.
An den Feierabenden und Wochenenden zeigte er sehr rasch, nachdem wir zusammengezogen sind, immer wieder Desinteresse, mit mir irgendwas zu unternehmen, weil ihn das meiste davon langweilte. Anfangs gingen wir noch einige Male spazieren, aber vielfältig war unser Leben wirklich nicht. Seinerseits kamen auch kaum bis gar keine Vorschläge, was wir gemeinsam unternehmen könnten. Manche unserer gemeinsamen Unternehmungen waren sehr schön, aber viele begannen mit oder endeten in einem Streit.
